stille blätter

Notizen · Gedanken · Augenblicke

Die Linde vor dem Fenster

Das Nachmittagslicht fällt durch die Linde und zeichnet ein bewegliches Muster auf den alten Buchumschlag. Staubkörner tanzen in den schrägen Strahlen, lassen die Zeilen flirren. Seit einer Stunde sitze ich schon so, ohne recht zu lesen – ich sehe nur zu, wie das Licht von einer Verszeile zur nächsten wandert. Unten, von der Straße, klingelt manchmal eine Fahrradglocke, aber sie stört nicht, sie wird Teil der Stille. Plötzlich muss ich an den Baum in meinem Kindheitsgarten denken, eine junge Linde, die ich mit ausgestreckten Armen umfassen konnte. Das Blattwerk draußen rauscht leise, als wollte es etwas zuflüstern.

Zwischen den Seiten finde ich ein gepresstes Lindenblatt, hauchdünn und durchscheinend. Es liegt in einer alten Ausgabe von »Walden« – auf der ersten Seite eine Widmung: »Für J., im Oktober 1987«. Ich kenne diesen J. nicht, aber irgendwie ist mir, als würde ich ihn verstehen. Vielleicht ist es das, was alte Bücher und vergessene Fundstücke mit uns machen: Sie warten geduldig, bis jemand kommt, der ihre Geschichten weiterspinnt. So wie ich jetzt hier sitze, Thoreau im Schoß, und durchs Fenster die Linde betrachte, die denselben Himmel sieht wie damals.

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Nachtzug-Notizen

Der Zug schneidet durch die Nacht, und die Fensterscheibe wird zum Spiegel. Ich sehe die verschwommenen Konturen der anderen Fahrgäste, und zwischendurch mein eigenes Gesicht. Im Ohrläppchen Klaviermusik, die sich manchmal mit dem Rhythmus der Schienen vermischt – dann hebt es einen kurz aus der Zeit. Kurz nach zehn werden die Lichter gedimmt, jemand steht auf, um sich einen Tee zu holen, andere kuscheln sich in ihre Jacken. Ich starre auf die vereinzelten Lichter draußen, die vorbeihuschen, und stelle mir die Menschen dahinter vor: ihr Abendessen, ihre Gespräche, ihr Schweigen.

Gegen zwei Uhr hält der Zug an einem kleinen Bahnhof. Niemand steigt zu. Auf dem Bahnsteig steht nur ein vergessener Koffer unter der gelblichen Laterne. Ich mag diese nächtlichen Haltepunkte – für ein paar Minuten ist man ganz ohne Rolle, einfach nur ein Reisender. Draußen liegt Nebel über den Feldern, ab und zu blitzt ein Gewässer auf, wie ein dunkles Auge. Morgen früh, in einer anderen Stadt, wird von dieser Fahrt nur eine vage Erinnerung bleiben, eine Zeile im inneren Notizbuch.

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Carver lesend: »Wovon wir reden, wenn wir vom Schreiben reden«

Carver sagt: »Literatur kann nur ein Licht werfen, keine Antwort geben.« Ich lese gerade wieder »Wovon wir reden, wenn wir von Liebe reden«, und dieses Mal fallen mir vor allem die Leerstellen auf. Die kurzen Sätze sind wie Lichtungen, dahinter beginnt der Wald – der Leser muss selbst hineingehen. Eine Szene bleibt hängen: Ein Mann steht in der Küche, schaut aus dem Fenster, will einfach nur allein sein. Keine Erklärung, aber plötzlich versteht man diese Müdigkeit. Gute Geschichten sind vielleicht wie ein Spiegel, der zeigt, was man selbst nicht ordnen kann.

Neulich schrieb mir ein Freund über das Schreiben. Wir beide mögen diese klare, fast spröde Art, nicht zu werten, nicht zu dramatisieren. Ein Fenster putzen, damit der Regen draußen sichtbar wird. Carvers Fenster sind manchmal beschlagen, man muss hauchen, um hindurchzusehen. Aber genau dieser Augenblick des Erkennens bleibt. Das Buch, das ich in Händen halte, hat abgegriffene Ecken, als hätten viele es schon gelesen. Beim nächsten Mal werde ich vielleicht ein anderer Leser sein.

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—— schreiben, um da zu sein ——