Das Nachmittagslicht fällt durch die Linde und zeichnet ein bewegliches Muster auf den alten Buchumschlag. Staubkörner tanzen in den schrägen Strahlen, lassen die Zeilen flirren. Seit einer Stunde sitze ich schon so, ohne recht zu lesen – ich sehe nur zu, wie das Licht von einer Verszeile zur nächsten wandert. Unten, von der Straße, klingelt manchmal eine Fahrradglocke, aber sie stört nicht, sie wird Teil der Stille. Plötzlich muss ich an den Baum in meinem Kindheitsgarten denken, eine junge Linde, die ich mit ausgestreckten Armen umfassen konnte. Das Blattwerk draußen rauscht leise, als wollte es etwas zuflüstern.
Zwischen den Seiten finde ich ein gepresstes Lindenblatt, hauchdünn und durchscheinend. Es liegt in einer alten Ausgabe von »Walden« – auf der ersten Seite eine Widmung: »Für J., im Oktober 1987«. Ich kenne diesen J. nicht, aber irgendwie ist mir, als würde ich ihn verstehen. Vielleicht ist es das, was alte Bücher und vergessene Fundstücke mit uns machen: Sie warten geduldig, bis jemand kommt, der ihre Geschichten weiterspinnt. So wie ich jetzt hier sitze, Thoreau im Schoß, und durchs Fenster die Linde betrachte, die denselben Himmel sieht wie damals.